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Aida

Hauptdarsteller sehr gut - Atmosphäre fragwürdig

Aida 20.08.2009

Nach einer rundum gelungenen Vorstellung von „West Side Story“ bei den Bad Hersfelder Festspielen war ich gespannt auf das „Musical-Mekka“ Tecklenburg. Mit dem Navigationssystem ist Tecklenburg leicht zu finden, auch hat es eine schöne, kleine Altstadt, jedoch die Werbung und Wegweisung zu den Festspielen waren eher dürftig.
Angekommen im „Theater“ fielen mir sofort drei Dinge auf:
- die in rhythmischen Abständen knallenden Sektkorken in den Reihen hinter mir
- die vielen im Zuschauerraum Abendbrot essenden Menschen (das mitgebrachte Speisenangebot war immens…)
- die von den Musicalbesuchern zahlreich mitgeführten Gartenstuhlpolster (die Holzbänke in der Freilichtbühne sind eine Katastrophe!)
Das alles erinnerte eher an ein Massenpicknick oder ein Dorffest, denn an die bevorstehende Musicalaufführung von Aida.
Ich hatte das Musical im vergangenen Jahr beim Amstettener Musicalsommer in einer absolut perfekten Inszenierung gesehen. Die damaligen Hauptdarsteller (Nazide Aylin, Ava Brennan und Mathias Edenborn) waren sensationell und das Leading Team hat trotz nur ca. 4-wöchiger Spielzeit absolut aus den Vollen geschöpft, was Kostüme, Maske, Licht, Bühne und Choreographie anbelangte.
In Tecklenburg traf ich also „vorbelastet“ ein und war erst einmal konsterniert, was das Bühnenbild anbelangte. Es war karg, hässlich und abgenutzt. Natürlich muss man dem Umstand Rechnung tragen, dass auch bei diesen Festspielen die Bühne nicht überdacht ist und das Bühnenbild Wind und Wetter trotzen muss, dennoch war ich enttäuscht, muss aber zugeben, dass im Verlauf des Abends, als die Sonne unterging, durch ein zartes Licht manche vorher recht unansehnliche ägyptische Säule nun ganz gut aussah.
Aber jetzt zu den Darstellern… Sie SIND Tecklenburg! Die gesamten Begleitumstände (wie Infrastruktur, Marketing, Catering, etc.) wirken in Tecklenburg eher unprofessionell, aber die Hauptdarsteller legen höchste Professionalität und höchste Qualität an den Tag.
Allen voran die Aida-Darstellerin, Zodwa Selele, die mich mit ihrer gewaltigen Stimme und ihrem sehr wandlungsfähigen Schauspiel beeindruckte. Zwar vollzieht sich die Metamorphose vom widerspenstigen, den ägyptischen Heerführer Radames verachtenden Sklavenmädchen zur Radames plötzlich liebenden Frau auf der Bühne etwas schnell, aber ich habe sowohl Aida, als auch Radames in jeder Minute des Stücks Ihre Liebesgeschichte abgenommen.
Patrick Stanke als Radames überzeugte mich ebenfalls auf voller Linie. Er spielte eindrucksvoll, er sang kraftvoll oder einfühlsam, sprich er beherrscht die ganze Bandbreite. Auch gefiel er mir optisch gut in seinen zwar einfachen, jedoch die Figur betonenden Kostümen.
Willemijn Verkaiks Gesangsleistung war ebenfalls einwandfrei, wohingegen ich ihr Schauspiel teilweise zu übertrieben fand. Zwar stellt sie am Anfang des Stücks eine verwöhnte, leicht überdrehte Pharaonentochter Amneris dar, aber ihr Auftreten erinnerte mich eher an einen Comedyabend, denn an eine ernsthafte Musicalproduktion. Sie war zuweilen zu laut und zu aufgedreht. „Weniger ist mehr“ an dieser Stelle, so meine Meinung. Die Masse des Publikums schien jedoch durchaus erfreut über ihre schrille Spielweise, denn Sie hatte nicht nur die Lacher, sondern auch die Sympathien des Publikums auf ihrer Seite. Ihre Wandlung von der luxusverwöhnten, oberflächlichen Tochter des Pharaos zur selbstbewussten, nachdenklichen Herrscherin vollzieht sie dennoch gekonnt. Auch gibt Sie bei ihren Soli, den Duetten sowie dem wunderschönen Terzett zwischen allen drei Hauptdarstellern („Einen Schritt zu weit“) eine sehr gute Figur ab.
Der Darsteller des Mereb, Thada Suanduanchai, sowie der den Zoser verkörpernde Marc Clear waren ebenfalls großartig, gesanglich und schauspielerisch, ja sogar tänzerisch.
Meine absoluten Lieblingslieder des Stücks sind oben genanntes „Einen Schritt zu weit“ und „Sind die Sterne gegen uns“, ein herrliches Duett zwischen Radames und Aida, welches die ganze Verzweiflung ihrer Liebe ausdrückt. Ein großes Kompliment gebührt dem Komponisten von Aida - Sir Elton John, dem Texter Tim Rice sowie dem Übersetzer Dr. Michael Kunze, die ein flottes, rockiges, zuweilen melancholisches, in jedem Falle romantisches Stück mit großer Tragik geschaffen haben. So muss ein Musical sein…
Die Leistung des weiteren Ensembles war solide. Für die Massenszenen wurden einige Laiendarsteller in das Stück eingebunden. Die Choreographie sowie ihre Umsetzung waren eher bescheiden, ebenso die Kostüme, bis auf die in der Modenschau vorgeführten Modelle. Mir fielen vor allem die schlechten Perücken der Ensembledarsteller auf. Dies ist jedoch sicher eine Frage des Budgets.
Die Bühne, wenn auch durch einen Graben etwas weit weg vom Zuschauerraum, wurde in ihrer ganzen Größe gut ausgenutzt. Nach Sonnenuntergang mutierte die Ruine der Tecklenburg zu einer stimmungsvollen Kulisse für das Stück.
Alles in allem ist es absolut lobenswert in einem Städtchen wie Tecklenburg solche Festspiele auf die Beine zu stellen. Immerhin existieren diese ja schon einige Zeit und locken Jahr für Jahr gute Musicaldarsteller, wie etwa den „Wiederholungstäter“ Patrick Stanke, an. Insgesamt gibt es jedoch noch einiges Potential zur künstlerischen und „technischen“ Verbesserung.

P.S.: Ich habe es noch bei keiner Festspielproduktion erlebt, dass das Publikum per Ansage aufgefordert wird während der Vorstellung nicht zu ESSEN… Da fehlen wohl noch ein wenig Verständnis und Wertschätzung für die dargebotene Kunst…!

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