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Carmen

Licht und Schatten

Carmen 03.08.2010

Die Bad Hersfelder Festspiele setzen in ihrer Spielzeit 2010, die noch wenige Tage andauert, auf ein traditionelles Musical und eine Welturaufführung. Das im letzten Jahr vom Publikum gut angenommene Musical „West Side Story“ stand wieder auf dem Programm, dazu ein völlig neues, unbekanntes Stück „Carmen – ein deutsches Musical“. Der Text stammt aus der Feder von Judith Kuckart, die Musik von Wolfgang Schmidtke. Regie führt Nico Rabenald.
Es ist im Groben die Liebes- und Lebensgeschichte dreier Menschen im sich rasch verändernden Nachkriegsdeutschland.
Die Hauptrollen waren allesamt hochkarätig besetzt. Als Besetzung der Carmen stand bereits im letzten Jahr Anna Montanaro fest. Hinzu kam ein in Bad Hersfeld Altbekannter: Christian Alexander Müller, der die Rolle des Jo verkörperte sowie Kristin Hölck als Marie.
Marie liebt Jo, der eigentlich auch sie liebt, doch lässt er sich von der verführerisch-geheimnisvollen Carmen umgarnen und verlobt sich schließlich mit ihr, statt seine Marie zu heiraten.
Die Geschichte, wenn auch von mir hier banal erzählt, ist eigentlich gut. Sie hat Potential, zumal sie natürlich auch auf ein dramatisches Ende hinausläuft. Interessant sind insbesondere auch die Schicksale und Lebensläufe aller neben den Hauptdarstellern wirkenden Charakteren: Karlemann, Kati, Stankowski, Gerd, Django usw. Im Nachkriegsdeutschland galt es ja für jeden erst einmal wieder Fuß zu fassen und sich zu orientieren. So musste jeder für sich erst einmal wieder einen Platz in der Gesellschaft finden und das Erlebte verarbeiten.
Besonders hervor stach eine Rolle, der Mann mit Huhn, bravourös gespielt von Livio Cecini. Der Mann mit Huhn muss im Krieg Schreckliches erlebt haben. Er wirkte persönlich gestört und politisch verwirrt. Er vertraut nur noch seinem Huhn, das er die ganze Vorstellung über bei sich hat. Es handelte sich übrigens um ein echtes, lebendiges Huhn, welches den ganzen Abend über die Bühne getragen wird.
Ich sagte eingangs schon, dass die Geschichte EIGENTLICH gut ist. Leider ließ ihre Umsetzung im Musical zu wünschen übrig. Der Schlüssel zu aller Entwicklung im Stück, nämlich, dass Jo sich in Carmen verliebt, ist überhaupt nicht nachvollziehbar. Alles geschieht viel zu schnell. Oder vielmehr überhaupt nicht, so dass man nicht so recht weiß, was Jo plötzlich an Carmen findet. Dies hätte klarer herausgearbeitet werden müssen. Ob Anna Montanaro als Carmen die Traumbesetzung ist, weiß ich nicht. Sie ist auf der Bühne omnipräsent. Sie spielt kraftvoll, singt dynamisch, „arbeitet“ oft mit der Zunge und ihrem Hüftschwung, doch mir erschien sie trotzdem nicht verrucht und verführerisch genug, um Jo so aus seinem gefestigten Leben reißen zu können. Sie ist sehr viel älter, figürlich ein wenig drall, nicht das, was ich mir unter einem Vamp vorstelle. Aber ich bin ja schließlich auch kein Mann. Anna Montanaro ist unbestritten eine großartige Künstlerin. Vielleicht ist die Rolle der Carman nicht ganz ihre Rolle.
Hinzu kommt, dass die Texte, die sie (und die anderen) zu singen hat (haben) zum Großteil selten dämlich sind. Auch die Musik ist nicht besonders eingängig. Sie ist bunt gemischt. Bedient sich vieler Elemente, aber bleibt nicht wirklich haften.
Christian Alexander Müller als Jo ist während des Stücks herrlich naiv und unschuldig. Maaike Schuurmans, die auch zum wiederholten Male in Bad Hersfeld auftritt, ist ein Temperamentsbündel ohnegleichen. Sie gibt ihrer Figur der Kati, einer Frau, die sich mit ihrem Mann Karlemann (toll in dieser Rolle: Paul Kribbe) nach dem Krieg von einer Fabrikarbeiterin zur Barbesitzerin hocharbeitet, viel Pep.
Auch Kristin Hölck als junge Marie und ihr Pendant die alte Marie, Franziska Weber, sind großartig in dem Wenigen, was das Stück ihnen zu ihrer Entfaltung anbietet.
Die Bühne wird mit verschiedenen Schauplätzen voll ausgeschöpft. Sie ist gespickt mit Requisiten und durch die einsetzende Dämmerung wird sie in schönes Licht gesetzt. Die Kostüme sind dem Nachkriegsdeutschland entsprechend zunächst etwas grau und werden dann frecher – bunter, je mehr die Republik sich entwickelt.
Die 1. Stunde des Stücks schleppt sich ein wenig ohne große Höhepunkte dahin. Danach gibt es mehr Schwung und es werden einige gute Ideen szenisch umgesetzt. So z.B. eine 50iger-Jahre-Verkaufsveranstaltung, geleitet von Karlemann (=Paul Kribbe) oder ein Konzert von Johnnie B. Ray, flott dargestellt von Gaines Hall, der auch mit einer fulminanten Stepeinlage begeisterte.
Das Orchester, welches in einem unkomfortabel wirkenden Verschlag vor der Bühne saß, war grandios. Leider versperrt der Dirigent, Christoph Wohlleben, da es keinen Orchestergraben gibt und die Bühne nicht so hoch ist, mit seinem Körper dem Publikum der ersten Reihen zuweilen die Sicht auf die Darsteller.
Alles in allem war es ein großes Wagnis der Festspiele Bad Hersfeld auf dieses unbekannte Musical zu setzen. Dieser Mut ist absolut lobenswert. Viel zu oft wird in der heutigen Musical(produktions)landschaft nur altes „aufgewärmt“. Ob es sich wirtschaftlich gelohnt hat, vermag ich nicht zu sagen. Die Derniere, die ich besucht habe, war jedenfalls nicht ausverkauft, fiel jedoch auf einen Dienstagabend und nicht aufs Wochenende, wo vermeintlich mehr Menschen ins Theater gehen.
Mir persönlich war das Stück zu unfertig, dadurch war es streckenweise langweilig. Die Darsteller waren allesamt top, doch Musik und Texte waren mir zu lau. Es war ein Abend mit Licht und Schatten!



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