Sie sind hier:
>> EvitaEvita
Theater Magdeburg schöpft aus den Vollen
Evita 16.06.2010
Der Aufführungsort der Domfestspiele in Magdeburg, nämlich der Platz vor dem imposanten Magdeburger Dom, bietet einen schönen Rahmen für eine, meiner Meinung nach, sehr gelungene Inszenierung des Musicals „Evita“.
Das Theater Magdeburg schöpft bei dieser Aufführung aus den Vollen.
Nicht nur was die Hauptdarsteller anbelangt, welche von einem alles überragenden Drew Sarich angeführt werden, sondern auch was den Rest des Ensembles betrifft, ist man üppig aufgestellt. Das Ensemble besteht insgesamt aus ca. 40 Darstellern, was nicht nur den Massenszenen große Wirkung verleiht.
Die Bühne ist eine puristische Dreieckskonstruktion mit einem sich hebenden Teil in der Mitte. An einer der Seiten wird die Bühne von vierzehn Säulen gesäumt. Sie ist einfach, aber effektvoll. Dies kommt besonders im 2. Teil des Musicals zum Tragen, wenn sie mit der Dämmerung in spektakuläre Licht- und Lasereffekte taucht.
Auch die Kostüme sind unglaublich vielfältig und wunderschön. Das Kleid Evitas, welches sie zu ihrem Song „Weine nicht um mich, Argentinien“ trägt, ist strahlender als Elisabeths funkelndes Kleid aus dem gleichnamigen Musical, das sie bei „Ich gehör nur mir“ trägt, wenn sie dem Winterhalter-Gemälde entsteigt. Ich war sehr beeindruckt von dem, was der Kostümfundus und die Schneiderwerkstätten des Theaters Magdeburg da auf die Bühne gezaubert haben.
Das einzige Manko an der zuvor erwähnten Bühnenkonstruktion ist, dass sie zu weit weg ist von der Zuschauertribüne. So kommt zuweilen keine rechte Stimmung auf. Hoffentlich hören die soweit entfernt agierenden Darsteller überhaupt den Applaus des Publikums…? Das Publikum war im Durchschnitt weit über fünfzig. Zu „standing ovations“ nach der Vorstellung konnten sich daher nur die jüngeren Zuschauer entschließen. Dabei hätten es die Darsteller absolut verdient, denn sie leisten Großartiges bei dieser Inszenierung.
Allen voran, ich erwähnte es eingangs, Drew Sarich. In der Rolle des Che kommentiert, erzählt und begleitet er das Stück (und Evita) von der ersten bis zur letzten Szene. Er hat viel zu tun auf der Bühne. Er agiert ständig. Manchmal darf er sich auf die Bühne legen oder eine Zigarre rauchen, aber er ist immer präsent. Drew Sarich zieht (mal wieder) alle Register seines Könnens. Seine Bühnenpräsenz ist allmächtig. Welch ein wunderbarer Darsteller! Stimmlich zeigt er alle Facetten seines Fachs. Schauspielerisch gibt er einen kritischen, sehr zynischen Che zum Besten. Er verachtet Evita ihrer Selbstsucht wegen, hat aber trotzdem, angedeutet nur durch ganz kleine Gesten, auch einen Funken Bewunderung für ihre Zielstrebigkeit und ihr Durchsetzungsvermögen.
Evita ist kalt und berechnend. Sie hat ihren Aufstieg als Ziel vor Augen, welches sie geradlinig verfolgt. Wenn Evita wirklich so war, hat Simone Geyer sie sehr gut dargestellt. Vielleicht war Evita aber mehr als das und hatte auch ab und zu menschlichere Züge. Diese Seite wird von Simone Geyer nicht gezeigt. Stimmlich ist sie jedoch klasse.
Ethan Freeman, der ein ganz Großer im Musicalbusiness ist, kann sich in seiner zu kleinen Rolle des Juan Peron nicht sonderlich auszeichnen. Er hat zu wenig Gelegenheit sein Können wirklich unter Beweis zu stellen, da er zu selten auf der Bühne ist. Wenn er jedoch auf der Bühne steht, gibt er optisch eine äußerst gute Figur ab als Juan Peron. (Die Uniform steht ihm gut.)
Iago Ramos, in der Nebenrolle des Tangosängers Magaldi, ist zugegebenermaßen ein hervorragender Tenor, aber durch seinen starken südamerikanischen Akzent sind seine Textpassagen kaum zu verstehen. Da lobe ich mir wiederum Drew Sarich. Er ist ja Amerikaner, hat aber nicht den Hauch eines amerikanischen Akzents. Im Gegenteil, er versteht es noch seine Kommentare als Che über das britische Königshaus oder über Frankreich im Dialekt des jeweiligen Landes zu färben. Sein Deutsch ist lupenrein.
Was mir an „Evita“ nicht gefiel, außer der mangelnden Euphorie des Rentnerpublikums, ist die Musik von Andrew Lloyd Webber. Es gibt nur zwei bis drei eingängige Lieder, wie z.B. „Weine nicht um mich, Argentinien“ oder „Jung, schön und geliebt“. Letzteres verpacken Simone Geyer und Drew Sarich übrigens in eine flotte Tanzszene. Die restliche Musik ist mir persönlich zu langweilig. Sie ist ohne große Höhepunkte und untermalt nur was gerade auf der Bühne erzählt wird. Einem Darsteller wie Ethan Freeman z.B. hätte ich ein großes Solo gegönnt. Bei anderen Komponisten (wie etwa Frank Wildhorn) gibt es zuweilen Adaptionen ihrer Stücke je nach Besetzung. Bei Andrew Lloyd Webber ist das natürlich undenkbar, was ich sehr schade finde.
Nichts desto trotz ist die Produktion absolut zu empfehlen. Das Magdeburger
Theater steckt sich hohe Ziele im puncto Musical, von denen es mit „Evita“ bereits ein Etappenziel erreicht hat. Ich bin gespannt auf die folgenden Premieren bzw. Wiederaufnahmen: Sunset Boulevard, My Fair Lady, West Side Story, Jekyll & Hyde und Die Schöne und das Biest.
