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ich war unterhalten, amüsiert, erstaunt
My Fair Lady 10.06.2010
Eigentlich bevorzuge ich modernere Musicals, aber zu den Burgfestspielen in Bad Vilbel zieht es mich jedes Jahr, so dass ich diesmal in den Genuss von „My Fair Lady“ kam, welches ich mir ansonsten wahrscheinlich eher nicht angeschaut hätte.
Doch die Burgfestspiele Bad Vilbel überzeugen immer wieder durch zwar einfache, aber sehr gute Inszenierungen.
Und so war es auch in diesem Jahr. Ich hatte die Möglichkeit die Premiere von „My Fair Lady“ zu besuchen und war unterhalten, amüsiert, erstaunt und in jedem Falle zufrieden, mit dem, was ich gehört und gesehen hatte. Die Inszenierung von Egon Baumgarten transferiert das Stück nicht in die Gegenwart, sondern bleibt im London der 20er/30er Jahre. Der Cockney-Akzent von Eliza Doolittle wird im Deutschen durch ein markantes Berlinerisch ersetzt.
Die Kostüme sind schön. Das Ensemble wird in einigen Szenen gesangstechnisch durch den Bad Vilbeler Chor Vil-BelCanto ergänzt. In Massenszenen, wie etwa beim Pferderennen in Ascot, mimen die Bad Vilbeler Chorsänger und –sängerinnen das Derbypublikum. Sie machen ihre Sache gut. Man sieht ihre Leidenschaft dabei, auch wenn manches nicht ganz rund wirkt. Aber gerade das Einbinden der Laiendarsteller macht auch den Charme der Burgfestspiele Bad Vilbel aus.
Die Hauptdarsteller haben mir alle sehr gut gefallen. Sowohl die Darsteller der etwas kleineren Rollen des Oberst Pickering und der Haushälterin Mrs. Pearce, würdig gespielt von Erwin Bruhn und Inez Timmer. Hervorheben möchte ich, neben Eliza Doolittle alias Sonja Tieschky, die ihre Partie schauspielerisch und stimmlich sehr gut gemeistert hat, ganz besonders Stefan Nagel in der Rolle des Professor Higgins. Ich habe ihm in jeder Szene jedes Wort abgenommen. Er war für mich die leibhaftige Verkörperung des schrulligen, etwas schroffen Professor Higgins. Während Eliza in dem Stück ja eine offenkundige Wandlung vollzieht (sprachlich, äußerlich, in ihrem Benehmen), bleibt Professor Higgins seiner sehr eigenen Art immer treu – bis zum Schluss, als er plötzlich doch merkt (und es sich eingesteht), dass ihm an Eliza etwas liegt. Diese nicht so offensichtliche (eher innerliche Wandlung) zu spielen, halte ich für sehr schwierig und ist Stefan Nagel auf den Punkt gelungen.
Die Stimmen waren allesamt schön, auch die von Freddy Eynsford Hill, der von Raphael Dörr gesungen wurde.
Gefreut hat mich, dass manche Dialoge oder Lieder des Stücks, trotz ihrer lang zurückliegenden Entstehungszeit in den 50er Jahren, noch ganz aktuell wirken. Das zeichnet für mich ein gutes literarisches bzw. musikalisches Werk aus.
Ein besonderes Lob verdient auch Klaus Brantzen für seine engagierte Darstellung des Alfred P. Doolittle. Wenn er sang, kam immer Stimmung im Publikum auf. Das Stück enthält ja einige sehr bekannte Melodien.
Insgesamt ist „My Fair Lady“ natürlich kein furioses Musicalspektakel etwa im Stil der Stage Entertainment Produktionen, aber eine kleine, feine Inszenierung, die den Weg nach Bad Vilbel lohnend macht. Der Aufführungsort, die Bad Vilbeler Wasserburgruine, bietet dabei eine besonders schöne Kulisse.
